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HILFLOS

 

Dieser Text soll keineswegs triggern, oder sonstwie andere Menschen gefährden. Er soll lediglich helfen zu verstehen.

Du spürst nichts. Schon seit Monaten nicht mehr. Du fühlst keine Trauer, keine Freude, kein Glück, nichts. Da ist einfach gar nichts mehr. Am Anfang fandest du, dass das eine schöne Abwechslung ist. Das es angenehm ist einfach nichts zu spüren, weil monatelang der Schmerz dein ständiger Begleiter war. Doch inzwischen findest du es irgendwie frustrierend. Du siehst alles wie durch einen grauen Schleier. Du empfindest alles als wärst du in Watte eingepackt.

Du willst wieder etwas spüren, wieder etwas fühlen. Du hältst dieses Nichts, diese Leere, nicht mehr aus. Du willst etwas spüren. Was, ist dir inzwischen egal. Hauptsache irgendetwas. Es kann nur besser sein als diese Leere. Seit Monaten gehst du durch dein Leben, redest mit Menschen, lachst. Niemand merkt was mit dir los ist. Niemand merkt das dein Lachen nicht echt ist, das dein Lächeln nur eine Maske ist. Weder deine Mutter, mit der du eh kaum noch redest, noch dein Vater, der nie da ist, noch dein Bruder, mit dem du eigentlich nichts zu tun hast. Die einzige Person die merkt das etwas mit dir nicht stimmt, ist deine beste Freundin. Sie macht sich Sorgen, versucht mit dir zu reden, aber du blockst ab. Alle reden mit dir, erzählen dir von ihren Problemen, doch sie merken nicht das du ganz weit weg bist. Du hast gelernt auf die Frage wie es dir geht mit einem überzeugenden „gut“ zu antworten. Und alle glauben dir.

 

Irgendwann hältst du es nicht mehr aus. Du nimmst dir eine Klinge, setzt sie an, und fährst deinen Arm entlang. Es ist nur ein winziger Schnitt, es blutet nicht mal. Doch du fühlst etwas. Du fühlst Schmerz. Und du genießt ihn. Dieser Schnitt ist schon nach wenigen Tagen nicht mehr zu sehen, doch du denkst andauernd an die Erleichterung, die du verspürt hast. An die Erleichterung, die dir der Schmerz bringt. Jedes Mal wenn die Leere besonders schlimm ist, denkst du an die Klinge. Und du tust es wieder. Wieder nur ein ganz flacher Schnitt, den man kaum sieht. Doch es bringt dir nicht die gewünschte Befriedigung. Du schneidest tiefer. So tief das es anfängt zu bluten. Und das hilft dir. Du spürst etwas. Du spürst etwas, klar, es tut weh, aber der Schmerz fühlt sich angenehm an.

 

 

Du liebst es. Du schneidest dich immer öfter, immer tiefer. Immer öfter gehst du in dein Zimmer, schließt die Tür, nimmst die Klinge, drückst sie in dein Fleisch hinein und ziehst sie an deiner Haut entlang. Es hilft dir.

 

 

Irgendwann merkst du das es dich kontrolliert. Und du versuchst aufzuhören, weil du nicht willst das dich etwas kontrolliert. Du versuchst es, du versuchst es wirklich. Du versuchst es auch wegen deiner besten Freundin.

 

 

Aber du kannst nicht. Du bist süchtig. Süchtig nach dem Schmerz.

 

 

Du sprichst mit einigen Leuten darüber, aber nur selten. Denn du willst sie nicht verletzten. Du verletzt lieber dich selbst, als die Menschen die du liebst.

 

Inzwischen hasst du dich. Du hasst dich leidenschaftlich. Du hasst deinen Körper, weil er mit hässlichen Wunden und Narben übersät ist.

 

Du hast Angst. Angst, das du irgendwann komplett die Kontrolle verlierst und so tief schneidest das du genäht werden musst.

 

 

Und doch tust du es. Du tust es immer und immer wieder. Du musst es tun. Du musst es tun, um etwas zu spüren. Du musst es tun, um dir klar zu machen das du lebst.

 

 

Du sitzt abends auf deinem Bett, nimmst die Klinge, setzt sie an und schneidest. Es blutet stark. Du drückst ein Taschentuch auf die Wunde. Doch sie hört nicht auf zu bluten. Sie blutet 10 Minuten lang, bis das Blut langsam aufhört zu fließen. Und du schneidest wieder. Eine andere Stelle deines Körpers. An deinem Bein oder deinem Arm. Und du drückst das Taschentuch, das inzwischen schon blutgetränkt und nass ist, auf die Wunde. Du schneidest und schneidest.

 

 

Du ziehst dich immer mehr von alle anderen zurück. Inzwischen lebst du fast vollständig in deiner eigenen Welt. In deiner Welt, der Welt in der du deine glückliche Maske endlich einmal abnehmen kannst. Eine Welt voller Blut und Schmerz. Eine Welt in der nur du existierst. Du und die Klinge, das Blut und der Schmerz.

 

 

Du willst aufhören. Doch du willst dir nicht das einzige nehmen was dir zeigt das du noch am Leben bist. Du bist Hilflos.


Autorin: fallen angel

 

 




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